Wie ist Matth. 16, 18+19 zu verstehen ?
Um des Zusammenhanges Willen sollte man Matth. 16, 13-20 lesen.
"Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, daß der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, daß ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.
Da gebot er seinen Jüngern, niemandem zu sagen, daß er der Christus sei."
I. DAS WORT VOM FELS
1. Der Zusammenhang
a: Nach V. 15 sind alle 12 Jünger gefragt. Petrus gibt das Bekenntnis der 12 wieder, das auf einer Offenbarung Gottes beruht. Jesus führt des Petrus Bekenntnis weiter und spricht über sich und seine Gemeinde.
b: Die Jünger verstanden Jesu Wort nicht als Zuweisung einer besonderen Rolle an Petrus : Matth. 18, 1-3 Frage nach dem Größten, Matth. 20, 20-28, Luk. 22, 24-26 Rangstreit
c: Petrus als schwacher, fehlerhafter Mensch ein schlechtes Fundament für Jesu Gemeinde: Matth. 16,21-23 unmittelbar nach dem Text über den Felsen sagt Jesus, aus Petrus spreche der Satan. Matth. 26, 69-75 Verleugnung des Petrus
Gal. 2, 11-14 Heuchelei und Zurechtweisung des Petrus.
2. Der Textbefund
V. 18 wörtlich : ”Du bist Petros, und auf diese Petra will ich meine Gemeinde bauen. „Das griech. Wort “Petros” entspricht dem aramäischem Wort „Kephas” und bedeutet „Stein” „losgerissenes Felsstück”. „Petra” dagegen ist nicht der kleine Stein, sondern der „Fels”. Jesus gibt zu verstehen : „Du bist ein Stein, und auf den Felsen will ich meine Gemeinde bauen.”
a: Das Wort „Petra” im Alten Testament ( nach der Septuaginta, griech. Übersetzung ): buchstäblich : 2. Mose 17, 6 ; Richter 15, 13 ; 1. Sam. 13,6 ; Jes. 2,10 ; 33, 16 usw. übertragen : Gott selbst ist der Fels - 2. Sam. 22,2 ; Jes. 8,14; beachte auch 5. Mose 32,4 und Dan. 2, 44 + 45
b: Das Wort “Petra” im Neuen Testament : buchstäblich : Matth. 27, 52. 60 ; Luk. 8, 6 + 13 ; Off. 6, 15 + 16 ; Matth. 7, 24 + 25 übertragen : Jesus ist der unerschütterliche, unbezwingbare Fels - 1. Petr. 2, 4 8 ( Petrus spricht also nicht von sich als dem Fels ) ; Röm. 9, 33 ; 1. Kor. 10, 4
c: Jesus ist das alleinige Fundament - Matth. 21, 42 ; Eph. 2, 20 ; 1. Kor. 3, 11 ;
Apg. 4, 11+12
3. Des Petrus Stellung in der Urgemeinde
1. Petr. 5, 1 - Er nennt sich selbst nur “Mitältester” - “Erzhirte” ( V. 4 ) ist Jesus.
Nach Apg. 15 erscheint er nicht mehr in der Apg.
Gal. 2, 9 - Einer, der zu den 3 Säulen gehört, aber nicht an erster Stelle genannt.
Apg. 15 - Das Schlußwort des Apostelkonzils hat Jakobus, Leiter der Jerusalemer Gemeinde.
Apg. 8,14 - Petrus ordnet sich unter. Apg. 11, 2 - Petrus muß sich verantworten.
4. Die frühe Kirchengeschichte
Die große Zahl der Kirchenväter sah in dem Felsen Jesus Christus oder das Bekenntnis zu ihm, so beispielsweise Chrysostomos, Ambrosius, Cyril von Alexandria, Leo der Große, Augustinus, selbst der größte Papst des Mittelalters GregorVII. Erst ab dem 5. Jahrhundert erhob man den Anspruch, Petrus sei der Fels, und der Papst sei Nachfolger des Petrus und handle aus gleicher Vollmacht wie dieser. Für den Primat des Bischofs von Rom brauchte man natürlich eine biblische Begründung, und dafür zog man den Ausgangstext heran.
5. Weitere Hinweise
a: Die Bibel kennt verschiedene Geistesgaben, z. B. Apostel, Propheten, Helfer ( 1. Kor. 12 ; Eph. 4 ). Warum kennt sie ausgerechnet das Papsttum nicht, das doch die wichtigste Gabe wäre ?
b: Stellvertreter Jesu auf Erden ist der Heilige Geist, kein Petrus und kein Mensch -
Joh. 14, 16 + 17 + 26 ; 16, 7.
c: Im Christentum geht es nicht um Menschen, denen man folgt, sondern um Jesus Christus, den Herrn - 1. Kor. 1, 11 - 13.
d: Die 12 Apostel waren einmalig - Matth. 19, 28 ; Off. 21, 12 - 14. Von Nachfolgern für sie hat Jesus nichts gesagt.
II. DAS WORT VON DER “SCHLÜSSELGEWALT”
1. Die Schlüssel sind die Schlüssel der Erkenntnis.
Durch sie kann man Menschen zu Gott führen oder von Gottes Reich fernhalten. Jes. 22, 22 ; Luk 11, 52 ; Matth. 23, 2 - 4. 13
Die Schlüsselgewalt gilt nicht nur Petrus - Matth. 18, 18.
2. Unter “binden” und “lösen” verstanden die Rabbiner “verbieten” und “erlauben”. Vgl. Apg. 15
die Heidenchristen waren nicht mehr an die Beschneidung und das Zeremonialsystem gebunden. Natürlich kann man dabei nicht willkürlich sein - Matth. 28, 20 ; Joh. 16, 13 ;
Neben der Lehrgewalt bedeutet es Disziplinargewalt, z. B. Gemeindewahl (Apg. 6), Gemeindeaufnahme ( Apg. 2, 41 ), Gemeindezucht und Gemeindeausschluß ( Apg. 5, 1 -11 ; 1. Kor. 5 ; beachte die Parallelstelle Matth. 18, 15 - 18 ).
Das “Binden” und “Lösen” hat nichts mit Sündenvergebung an der Stelle Gottes zu tun. ( Bemerkung : Auch Joh. 20, 23 ist nur im Sinne der Gemeindezucht zu verstehen.) Mark 2, 7 - Sündenvergebung steht nur Gott zu. Apg. 8, 20- 22 ; 1. Joh. 1, 9 - die Apostel machten nicht Gebrauch von der Sündenvergebung, sondern wiesen auf Gott hin.
Genaue Übersetzung des V. 19 : “Ich werde dir die Schlüssel des Königreichs der Himmel geben, und was du binden wirst auf Erden, wird in den Himmeln gebunden worden sein und was du lösen wirst auf Erden, wird in den Himmeln gelöst worden sein.”
Die Gemeinde vollzieht also nur nach, was im Himmel schon geschehen ist.
Es geht um Jesus und um Jesus allein - Hebr. 12, 2 a ; 1. Tim. 2, 5.